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Frauen in Führungspositionen: Leider noch immer Mangelware

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Delegationsreise mit der Vorsitzenden des Haushaltsausschusses Petra Merkel nach Brüssel

„Frauen an die Macht – noch ist es nicht so weit“ titelte die Lübecker Nachrichten in ihrer Samstagsausgabe vom 25.08.2012 und interviewte dazu auch Bettina Hagedorn, stellv. SPD Landesvorseitzende und seit zehn Jahren Bundestagsabgeordnete im Haushaltsausschuss. Zwar gibt es auch in Ostholstein Frauen, die viel Einfluss haben, jedoch dominieren noch immer die Männer die Geschicke in den meisten Führungsetagen, so Hagedorn. Sechs Fragen und Antworten machen deutlich: Es gibt starke und einflussreiche Frauen in Ostholstein, jedoch nicht genug und nicht in allen Bereichen!

Lübecker Nachrichten: Haben wir in Ostholstein einflussreiche Frauen?

Ja, das haben wir - aber insgesamt sind es noch zu wenige.

LN: In Stockelsdorf und Kellenhusen gibt es schon seit einigen Jahren eine Bürgermeisterin. Vor wenigen Wochen wurden nun auch in Timmendorf und Neustadt Frauen gewählt. Ist das nur ein Trend oder ein Sinneswandel?

Sie haben die Bürgermeisterinnen von Stockelsdorf und Kellenhusen, Neustadt und Timmendorfer Strand zu Recht genannt. Ich selbst war auch von 1997 bis 2003 ehrenamtliche Bürgermeisterin in Kasseedorf und bis 2003 auch Amtsvorsteherin im damaligen Amt Schönwalde. Die Tatsache, dass ich die erste und leider bislang einzige weibliche Amtsvorsteherin Ostholsteins war, beweist, dass es – gerade im ländlichen Raum – noch Männerdomänen gibt, die nichts mit der angeblich fehlenden Kompetenz engagierter Frauen zu tun haben, sondern mit den funktionierenden Netzwerken und Seilschaften von Männern. Frau Rahlf, Frau Batscheider und Frau Kara wurden nämlich direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt und nicht von Amtsausschüssen oder Gemeindevertretungen.
Es gibt aber einflussreiche Frauen in der Kultur, z.B. Frau Moser im Eutiner Schloss oder Doris Runge in Cismar, starke Schulleiterinnen wie Frau Goos in Oldenburg und Frau Kluvetasch in Lensahn; Leiterinnen in Pflegeeinrichtungen und in der Geschäftsführung von großen Arbeitgebern im Bereich Pflege, Kur, Reha, Gesundheit sowie Ärztinnen, Selbstständige und Unternehmerinnen gerade im Bereich Tourismus und Landwirtschaft. Die Landfrauen beispielsweise sind ein Verband, der die eigenständige Entwicklung der Frauen im geschäftlichen Bereich sehr stärkt.
Aber: Eine typische Männerdomäne in Ostholstein sind noch die Vorstände und Leitungsebenen z.B. der Banken und Sparkassen. Frauen? Fehlanzeige! Auch in der Kommunalpolitik sind in den mächtigen Haupt- und Finanzausschüssen – wo es um Geld, Einfluss und grundlegende Weichenstellungen geht – Frauen unterrepräsentiert. Frauen verstehen aber nicht nur etwas von Kindergärten, Schulen und Pflege! Wie viele weibliche Fraktionsvorsitzende gibt es in Ostholsteins Kommunalpolitik? Zu wenige!
Im Bundestag wird Ostholstein durch die SPD seit 1990 durch Frauen vertreten: bis 2002 zwölf Jahre lang von Antje-Marie Steen und nun schon seit zehn Jahren von mir. Ich gehöre seit 2002 DER Männerdomäne im Bundestag, dem Haushaltsausschuss, an (seit 2009 als stellv. Sprecherin der SPD) , der aktuell 41 Mitglieder hat – darunter nur sieben Frauen! Im Rechnungsprüfungsausschuss bin ich auch seit zehn Jahren und seit 2009 Sprecherin der SPD. Das beweist: Man KANN Frauen auch mit Erfolg in vermeintliche Männerdomänen "schicken". Zusätzlich bin ich im Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagsfraktion und seit 2007 stellv. SPD-Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein.


im Haushaltsausschuss

Im Landtag wird Ostholstein durch die SPD seit mehreren Legislaturperioden überwiegend von Frauen vertreten: Sandra Redmann und Regina Poersch. Beide haben Führungspositionen in der Landtagsfraktion inne. Auch bei den Grünen haben die Ostholsteinerinnen Monika Obieray und Marlies Fritzen auf Landesebene jahrelang Führungspositionen inne gehabt.

LN: Warum sind Frauen für Führungspositionen geeignet?

Frauen haben eher das große Ganze im Blick, sie denken eher volkswirtschaftlich als nur betriebswirtschaftlich, ihnen liegt tendenziell nicht so sehr am "schnellen" Erfolg, am kurzen Show-Effekt, sondern an nachhaltiger Stabilität. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen dazu neigen, immer die gute Zukunft der Kinder und Enkel mit zu beachten. Frauen führen anders als Männer: Sie wollen Mitarbeiter eher "mitnehmen" und überzeugen, als schlicht "anordnen". Sie schreiben Kommunikation GROß, wollen zuhören können statt Vorträge zu halten (obwohl sie das sehr strukturiert können). Frauen haben von klein auf gelernt, dass sie fast immer besser sein müssen als die Männer um zu überzeugen: Darum konzentrieren sie sich sehr darauf, echte Kompetenz zu erwerben, sind meist sehr pflichtbewusst und legen stets noch "eine Schippe drauf". Sie sind übrigens auch sehr leidensfähig und haben enormes Durchhaltevermögen. Aber: Sie setzen nicht gerne "die Ellenbogen" ein. BetriebsINTERN benachteiligt sie das oft bei der Karriereentwicklung. Allerdings scheint bei den Bürgerinnen und Bürgern gerade dieser Wesenszug gut anzukommen: die Bürgermeisterwahlen in Timmendorfer Strand und Neustadt sind aus meiner Sicht dafür gute Beispiele. Ich halte Frauen aber nicht grundsätzlich für die besseren Führungskräfte - sie sind nur anders, haben andere Stärken und andere Schwächen als ihre männlichen Kollegen. Darum: das Beste ist eine gesunde Mischung!

LN: Benötigen wir eine Frauenquote in Politik oder Wirtschaft?

Ja, die Quote hilft - Grüne und SPD sind ein Beispiel dafür. Wir brauchen sie auch in der Wirtschaft - dazu gibt es mehrere aktuelle Anträge im Bundestag, für die es bisher leider keine Mehrheiten gab.

LN: Warum finden sich weniger Frauen in Führungspositionen?

An der Bildung/Ausbildung liegt es jedenfalls nicht: Mädchen bzw. Frauen sind erwiesenermaßen die besten Schülerinnen, die besten Auszubildenden, die besten Studentinnen, die besten Absolventinnen in nahezu allen Bereichen. Aber: sie bekommen die Kinder, und jede Babypause ist in der Regel ein Karriereknick - je länger sie dauert umso stärker. Das ist weder fair noch vernünftig, denn gerade berufstätige Mütter (oder Berufstätige, die zusätzlich pflegen!) praktizieren ein "Multitasking", das manchen Manager vor Neid erblassen lassen würde! Dennoch: es ist (leider) Realität!

LN: Haben Sie Ideen, wie man die Situation für Frauen - falls notwendig - verbessern kann?

Bessere, flexiblere Kinderbetreuungszeiten von der Krippe über die Kita, Grund- und weiterführende Schulen mit Horten und Ganztagsschulen könnten hier einen (gerade in Ostholstein mit den vielen Frauenarbeitsplätzen in Gesundheit und Tourismus mit Wochenend- und Nachtschichtdiensten!) wertvollen Beitrag für Frauen UND für ihre Kinder und Heranwachsenden leisten. Auch der Aspekt der Pflege von Familienangehörigen sollte noch stärker mit berücksichtigt werden. Im Endeffekt wird eine solch familienfreundliche Infrastruktur sogar den Arbeitgebern im Kampf um gute Fachkräfte nützen - das Engagement des Schön-Klinikums in Neustadt mit der Stadt ist hier wegweisend und ein erster Schritt in die richtige Richtung. Außer den bisher geäußerten Ideen verwirkliche ich ein Projekt seit 2003 in Berlin: damals habe ich mit meiner SPD-Kollegin im Haushaltsausschuss Petra Merkel (die übrigens seit 2009 die ERSTE Haushaltsausschussvorsitzende der Bundesrepublik Deutschland ist!!!) den "Ladies' Day" ins Leben gerufen, zu dem wir Jahr für Jahr zusammen mit anderen weiblichen SPD Bundestagsabgeordneten Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte aus der Wirtschaft nach Berlin einladen, um deren "Networking" bundesweit zu unterstützen (alle Informationen zu den Ostholstein-Teilnehmerinnen der letzten 10 Ladies' Days finden Sie ausführlich auf meiner Homepage unter "Berlin") – der Zuspruch zu diesen Tagen in Berlin seitens der Frauen aus Ostholstein ist auch nach 10 Jahren ungebremst: Es gibt bei weiblichen Führungskräften ganz offenbar das Bedürfnis sich stärker mit andern starken Frauen zu vernetzen und zu unterstützen.